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Die vergessene Farbtheorie von Mary Gartside

von Christian Wedel

Zusammenfassung

Mary Gartside (ca. 1755-1819) entwickelte zwischen 1805 und 1808 das erste vollständig systematische, dreidimensionale Farbsystem der westlichen Welt. Ihre Theorie vereinte physikalische Optik (Newton, Herschel), Wahrnehmungspsychologie und ästhetische Harmonielehre in einem kohärenten theoretischen Rahmen, der seiner Zeit um Jahrhunderte voraus war. Ihre Erkenntnisse über kontextabhängige Farbwahrnehmung, emotionale Farbwirkungen und quantitative Harmoniegesetze übertreffen in ihrer Vollständigkeit und Präzision selbst moderne Systeme wie CIELAB und bilden das theoretische Fundament für die nächste Generation adaptiver, emotionsbewusster Farbtechnologien.

3d Animation des Farbballs nach Mary Gartside.

  • Gelb: 48° (13,3%)
  • Orange: 27° (7,5%)
  • Rot: 45° (12,5%)
  • Violett: 80° (22,2%) – größtes Segment
  • Indigo: 40° (11,1%)
  • Blau: 60° (16,7%)
  • Grün: 60° (16,7%)

Aquarelle aus „New Theory of Colours“ von Mary Garside
Die sog. „blots“ (Farbkleckse), dienten als expressiv-emotionale Darstellungen bestimmter Farbwirkungen. Ein Versuch ästhetische Intuition greifbar zu machen und zu theoretisieren. Manche sehen darin auch eine frühe Form der abstrakten Malerei.

Wieso Goethe und nicht Gartside?

Es ist schwer, über Mary Gartside zu schreiben, ohne die Frage zu stellen, warum ihr Name so oft fehlt. Ihr Werk „New Theory of Colours“ erschien 1808 – zwei Jahre vor Goethes berühmter Farbenlehre – und antizipierte erstaunlich viele seiner Gedanken. Dennoch sucht man Gartsides Namen vergeblich in den Fußnoten der Goethe-Forschung oder in der etablierten Sekundärliteratur zur Farbtheorie. Es ist auffällig, wie konsequent sie in der wissenschaftlichen Rezeption übersehen wurde, obwohl ihre Ideen ein bemerkenswert eigenständiges Fundament für eine subjektive Farblehre bieten.

Zwar gibt es bislang keine eindeutigen Belege, dass Goethe ihre Arbeiten kannte – ein Vorwurf des Plagiats wäre unangebracht –, doch die Frage, warum Goethe als zentrale Figur einer subjektiven Farbtheorie gilt und Gartside fast vergessen blieb, ist berechtigt. Die Wiederentdeckung ihrer Texte ist der deutsch-britischen Kunsthistorikerin Alexandra Loske zu verdanken, die während ihrer Promotion im Royal Pavilion in Brighton auf Gartside stieß. Seither arbeitet sie kontinuierlich daran, Gartsides Beitrag zur Farbtheorie ins Licht der kunsthistorischen Forschung zu rücken und damit ein weitgehend übersehenes Kapitel der Farbgeschichte zu erschließen.

Farbe als Empfindung – Gartside gegen Newton

In einer Zeit, in der Newtons spektrale Zerlegung von Licht als nahezu unantastbares Paradigma galt, verfolgte Gartside einen konträren Ansatz. Während Newton Farben physikalisch erklärte – als gebrochene Bestandteile des weißen Lichts –, stellte Gartside die subjektive Wahrnehmung in den Vordergrund. Farbe war für sie kein Messwert, sondern ein Gefühl. Eine „moralische Wirkung“ – wie sie es nannte – gehe von Farben aus, jede Farbe trage emotionale und psychologische Qualitäten in sich, die weit über die physikalische Ebene hinausreichen.

Sie schrieb also nicht nur gegen Newtons Objektivismus, sondern etablierte – ganz ähnlich wie später Goethe – eine eigenständige, phänomenologisch orientierte Farblehre. Doch während Goethes Werk eine jahrhundertelange Rezeption erfuhr, blieb Gartsides Stimme lange ungehört. Ihre Gegenströmung zur Newton’schen Theorie blieb ein Nebenschauplatz – zu Unrecht. Gartside hatte frühzeitig erkannt, dass Farbe nicht einfach durch Wellenlängen erklärt werden kann, sondern in einem komplexen Zusammenspiel von Licht, Oberfläche, Umgebung und Empfindung entsteht.

Die Blots – Farbe als autonome Erscheinung

Eine Besonderheit in Gartsides Werk sind die sogenannten „blots“ – wolkenartige Farbflecken, die sie als integralen Bestandteil ihrer Bücher einband. Diese Farbflächen stehen für eine radikale Idee: Farbe muss nicht illustrieren, sie kann für sich selbst sprechen. Die „blots“ sind Ausdruck eines experimentellen Denkens, das Farbe nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern als eigenständiges künstlerisches Medium begreift.

In einer Zeit, in der die Abstraktion als Konzept noch nicht existierte, schuf Gartside visuelle Farbfeld-Kompositionen, die weder Form noch Gegenstand abbildeten. Vielmehr sollten sie die Eigenwirkung der Farbe – ihre emotionale Resonanz, ihre Lichtkraft, ihre Harmonie – unmittelbar erfahrbar machen. Manche Kunsthistorikerinnen sehen darin eine Vorwegnahme der abstrakten Malerei, wie sie erst ein Jahrhundert später mit Künstler:innen wie Hilma af Klint oder Wassily Kandinsky populär wurde. Gartside verband dabei eine poetische Sensibilität mit systematischer Beobachtung – ein bemerkenswerter Spagat zwischen Gefühl und Struktur.

Farbharmonie als System – Gartside als Theoretikerin

Mary Gartside war nicht nur eine begabte Koloristin, sondern auch die erste Frau, die ein vollständiges, systematisches Modell der Farbharmonie formulierte. Dieses Modell basiert nicht auf rein ästhetischem Empfinden, sondern auf mathemischer Proportion, Naturbeobachtung, optischen Experimenten und psychologischer Wirkung. Sie entwickelte damit ein ganzheitliches Farbsystem, das auf universelle Prinzipien zurückgreift, aber gleichzeitig offen für subjektive Empfindungen bleibt.

1. Das Gesetz der Proportionen

Im Zentrum ihres Systems steht ein klar definiertes Verhältnis zwischen warmen und kalten Farben. Warme Farben – Rot, Orange, Gelb – nehmen ein Drittel des Farbkreises ein, kalte Farben – Blau, Grün, Violett – zwei Drittel. Daraus ergibt sich laut Gartside ein harmonisches Gleichgewicht. Dieses Prinzip lässt sich auf verschiedene Gestaltungskontexte übertragen – von der Malerei über die Innenarchitektur bis zur Modegestaltung.

„Unabänderliche Harmonie entsteht, wenn der warme Teil des Spektrums im Verhältnis 1:2 zum kalten steht.“
— Mary Gartside, ca. 1805

2. Drei Formen der Farbbeziehungen

Gartside unterschied drei archetypische Beziehungen zwischen Farben:

A) Harmonisierende Tints:
Benachbarte Farben, die sanft ineinander übergehen – ideal für ruhige, atmosphärische Kompositionen, die eine meditative Wirkung entfalten.

B) Kontrastierende Tints:
Komplementärfarben, die Spannung erzeugen und Aufmerksamkeit bündeln – sie eignen sich besonders für dramatische oder expressive Darstellungen.

C) Reflektierte Tints:
Farbmischungen, die zwischen Vorder- und Hintergrund vermitteln, oft mit erdigen oder neutralisierten Tönen – sie sorgen für Tiefe und Ausgewogenheit.

3. Die Drei-Massen-Lehre – Farbe als Bühne

In ihrer Theorie der „drei Massen“ vergleicht Gartside Farbräume mit einer dramatischen Bühne. Leuchtende Primärfarben treten als Hauptdarsteller hervor, gemischte Sekundärfarben bilden die Vermittlungsebene, und neutrale Tertiärfarben schaffen den ruhigen Hintergrund. Diese Hierarchie erzeugt eine fast musikalische Raumwirkung, in der Farbe als dramaturgisches Element agiert. Farbkomposition wird damit zur Inszenierung – ein Gedanke, der in der späteren Farbdramaturgie von Bühnenbildern oder Filmen zentral wurde.

Psychologie der Farbe – Farben als emotionale Felder

Gartside beschrieb Farbe nicht als abstrakte Größe, sondern als Empfindungsfeld. Sie analysierte, wie einzelne Farben auf den menschlichen Geist wirken und verband dabei intuitive Eindrücke mit systematischer Beobachtung:

  • Gelb: Strahlend, heiter, lichtdurchflutet – steht für Offenheit und Lebensfreude

  • Rot: Aktivierend, kräftig, durchdringend – symbolisiert Energie, Leidenschaft, Gefahr

  • Blau: Kühl, beruhigend, distanziert – wirkt ordnend, kontemplativ, innerlich

  • Violett: Zart, geistig, mystisch – assoziiert Transzendenz, Sensibilität, Tiefe

  • Grün: Vermittelt, neutral, naturhaft – steht für Balance, Wachstum und Erneuerung

Diese Zuschreibungen waren keine reinen Assoziationen, sondern durch genaue Beobachtung optischer und atmosphärischer Effekte begründet – wie Lichtreflexion, Entfernung, Schattenwirkung. Gartside ging davon aus, dass jede Farbe eine psychologische Signatur trägt, die sich in Gestaltung gezielt einsetzen lässt.

Gartside und die Grundlagen des CIELAB-Modells

Viele ihrer Überlegungen finden sich heute in modernen Farbsystemen wie dem Munsell-System oder dem CIELAB-Modell wieder. Schon um 1805 sprach Gartside von einer „Illuminationskraft“ – also der Fähigkeit von Farben, Licht zurückzuwerfen – und unterschied systematisch zwischen Helligkeit, Sättigung und Farbtemperatur. Sie erkannte, dass Farben nicht statisch sind, sondern sich je nach Licht und Umgebung verändern.

Während Newton Farbe als Ergebnis von Lichtbrechung verstand, entwarf Gartside ein mehrdimensionales Modell, das Aspekte wie emotionale Wirkung, Lichtverhältnisse und Kontextualisierung berücksichtigte. Genau diese ganzheitliche Sichtweise spiegelt sich auch in CIELAB, das in den 1970er-Jahren von der CIE (Commission Internationale de l’Éclairage) als einheitliches Modell für Farbwahrnehmung entwickelt wurde.

CIELAB basiert auf drei Achsen: Helligkeit (L), Rot-Grün (a) und Blau-Gelb (b). Gartside hatte diese Dimensionen bereits vorweggenommen, wenn auch nicht in mathematisch kodierter Form. Ihr Werk bildet somit eine ideelle Grundlage für eine Farbräumlichkeit, die sich an der menschlichen Wahrnehmung orientiert. In gewisser Weise war sie ihrer Zeit um über ein Jahrhundert voraus.

Das zukünftige Potential von Gartsides Theorie

Mary Gartsides Ansätze könnten auch heute noch Impulse geben – etwa für die Weiterentwicklung farbpsychologischer Modelle oder die Erweiterung von CIELAB um emotionale Parameter. Ihre Betonung von subjektiver Wahrnehmung, Kontextsensibilität und atmosphärischer Wirkung eröffnet neue Perspektiven für Design, Architektur, Interfacegestaltung und Kunstvermittlung. Gartside denkt Farbe nicht als isoliertes Phänomen, sondern als Beziehungsfeld.

Gerade in Zeiten von KI-generierter Farbgestaltung und algorithmischen Farbpaletten ist eine Rückbesinnung auf die sinnliche, psychologische Dimension von Farbe aktueller denn je. Gartsides blots wären in digitalen Interfaces denkbar, um Farbstimmungen unmittelbar zu visualisieren. Auch ihr Drei-Massen-Modell könnte in der Szenografie, Farbdramaturgie oder im Mood-Design neue Anwendung finden. Ihr Werk ist ein Angebot, Farbe wieder als lebendigen Ausdrucksträger zu begreifen – jenseits bloßer Codes und Systematiken.

Fazit – Warum Mary Gartside wiederentdeckt werden muss

Mary Gartside war eine Pionierin, deren Zeit erst jetzt beginnt. Ihr Werk stellt nicht nur einen frühfeministischen Meilenstein der Farbtheorie dar, sondern bietet inhaltlich ein umfassendes, feinfühliges und erstaunlich modernes System. Dass ihr Name in den Lehrbüchern fehlt, ist ein Versäumnis, das es zu korrigieren gilt. Sie verkörperte eine Denkweise, die wissenschaftliche Genauigkeit mit künstlerischem Empfinden verbindet – eine Synthese, die auch heute noch inspirieren kann.

Goethe war ein großer Denker – aber er war nicht allein. Neben ihm stand, weitgehend ungesehen, eine Künstlerin und Theoretikerin, deren Farben noch heute leuchten. Es ist an der Zeit, Mary Gartside endlich den Platz in der Geschichte zu geben, den sie verdient. Ihre Ideen sind zu wertvoll, um weiterhin im Schatten der Geschichte zu bleiben.

Literaturhinweise

  • Loske, Alexandra: Mary Gartside: A Forgotten Colour Theorist. In: Journal of Art History, 2017.

  • Loske, Alexandra: Colour: A Visual History from Newton to Pantone. London: Welbeck Publishing, 2019.

  • Goethe, Johann Wolfgang von: Zur Farbenlehre. Tübingen: Cotta, 1810.

  • Gage, John: Color and Meaning: Art, Science, and Symbolism. University of California Press, 1999.

  • Kuehni, Rolf G.; Schwarz, Andreas: Color Ordered: A Survey of Color Systems from Antiquity to the Present. Oxford: Oxford University Press, 2008.

  • Lichtenstein, Jacqueline: The Eloquence of Color: Rhetoric and Painting in the French Classical Age. University of California Press, 1993.

  • Munsell, Albert H.: A Color Notation. Boston: G.H. Ellis Co., 1905.

  • Westland, Stephen; Ripamonti, Caterina; Cheung, Vien: Computational Colour Science Using MATLAB. Wiley, 2012.

  • CIE – Commission Internationale de l’Éclairage: Colorimetry (CIE Publication No. 15), 3rd Edition, 2004.

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